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Prof. Dr. Stephan Paul - © Die Bildhauer

Sechs Jahrzehnte „modernes Banking“

Ein Blick zurück im Zeitraffer

Im Geburtsjahr der BIB – 1966 – begeisterten zwei Serien das deutsche Fernsehpublikum: Der US-amerikanische „Time Tunnel“ zeigte Wissenschaftler, die eine Zeitmaschine entwickelt hatten, um damit in beliebige Perioden der Vergangenheit und der Zukunft zu reisen, und mit der „Raumpatrouille Orion“ konnte man sich in mehrfacher Lichtgeschwindigkeit auf den Weg an den Rand des Universums machen. Begeben wir uns in diesem Sinne auf eine schlaglichtartige Zeitreise, die die Entwicklung des Bankings in Deutschland während der letzten sechs Jahrzehnte in sechs Etappen kompakt zusammenfasst – und eine kurze Vorausschau auf den vor der Kreditwirtschaft liegenden Weg wagt.

I. Die späten 1960erund die 1970er-Jahre: Liberalisierung und Expansion der Kreditwirtschaft
  • Der Startpunkt der Zeitreise ist glücklich gewählt, fällt er doch mit dem Beginn des „modernen Bankings“ in Deutschland zusammen. In dem nach dem Zweiten Weltkrieg hierzulande verankerten System der sozialen Marktwirtschaft hatten Unternehmen beim Absatz ihrer Produkte von Anfang an grundsätzlich freie Hand – nicht jedoch die Kreditwirtschaft. Zum Schutz ihrer Funktionsfähigkeit hielt es der Staat für geboten, die Eröffnung von Filialen unter einen Erlaubnisvorbehalt zu stellen, Zinsobergrenzen bei der Geldanlage festzulegen und die Werbemaßnahmen von Banken im Vergleich mit anderen Branchen deutlich zu beschränken. Diese Einengungen des Handlungsspielraums wurden zwischen 1958 und 1967 aufgehoben und damit erst die „Fesseln“ der Vertriebspolitik gelöst. Sichtbarstes Zeichen der dann einsetzenden Expansion der Kreditwirtschaft war die Ausweitung ihrer Absatznetze. Zwischen 1967 und 1977 wuchs die Zahl der Zweigstellen der insgesamt 8.000 deutschen Banken in den drei Säulen Privatbanken, Sparkassen, Genossenschaftsbanken von 26.000 auf 38.000. Zu dieser Zeit rangierte Deutschland an der europäischen Spitze, und es gab im „Land der Autofahrer“ mehr Bankstellen als Tankstellen.

  • Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den zunehmenden Wohlstand und die Verfügbarkeit auch hochwertiger Konsumprodukte, die das „Wirtschaftswunder“ weiten Teilen der Bevölkerung beschert hatte. Zu dem hierzulande traditionell ausgeprägten Sparen, von dem die Banken unverändert profitierten, traten nun auch größere Anschaffungswünsche, für die das zuvor kaum existente Konsumentenkreditgeschäft der Banken aufund ausgebaut wurde.

  • Die deutschen Unternehmen nutzten überwiegend Bankkredite zur Finanzierung ihrer Investitionen – nach Abschluss des „Wiederaufbaus“ vermehrt zur internationalen Expansion. Mit der zunehmenden Exportstärke sprangen jedoch auch weltwirtschaftliche Risiken schneller auf Deutschland über: Ölpreiskrisen sorgten für steigende Inflationsraten, die Dollarschwäche für stärkere Wechselkursschwankungen. Der Zusammenbruch des Bankhauses Herstatt 1974, das sich mit Devisenspekulationen verhoben hatte, zeigte, dass Banken den Umgang mit diesen Risiken erst lernen mussten. Und es war der Startschuss für die internationale Kooperation der Bankenaufseher im „Baseler Ausschuss“.

II. Die 1980er-Jahre: Erste Konsolidierungen und verstärkte Internationalisierung
  • Nach der rasanten Wachstumsphase sahen sich die Bankengruppen bis 1989 im Inland mit der Notwendigkeit erster Konsolidierungen konfrontiert. Es wurde deutlich, dass zahlreiche Vertriebsstellen, die eröffnet worden waren, um „einen Platz zu besetzen“ und Wettbewerb zu verhindern, nach den professioneller gewordenen Kalkulationsverfahren als nicht rentabel eingestuft werden mussten.

  • 1986 wurde Deutschland zum ersten Mal „Exportweltmeister“; von der Stärke der hiesigen Unternehmen im Auslandsgeschäft profitierten vor allem die Großbanken. Sie bauten ihre Niederlassungen in den internationalen Finanzzentren aus – begünstigt durch die in diesem Jahrzehnt vorangetriebene Liberalisierung der Finanz- und Integration der Bankenmärkte. Zudem stiegen sie forciert in das Investment Banking angelsächsischer Prägung ein, machten also zunehmend Geschäfte rund um Wertpapiere, Derivate, Unternehmensbeteiligungen und -zusammenschlüsse. Dies verschärfte die bereits in den 1970er-Jahren artikulierte Kritik an der „Macht der Banken“, die vor allem die Verflechtungen innerhalb der „Deutschland AG“ aufgriff und Gefahren durch ein ausgeufertes Einflusspotenzial speziell der Großbanken thematisierte.

III. Die 1990er-Jahre und der Jahrtausendwechsel: Zwischen neuen Expansionschancen und Konzentrationszwängen
  • Die deutsche Wiedervereinigung und die fortschreitende Globalisierung eröffneten der Kreditwirtschaft auf der einen Seite neue Wachstumschancen. Wiederum wurden die Vertriebsnetze ausgeweitet – in der Spitze auf 45.000 Zweigstellen! In den 1990er-Jahren boomte in den neuen Bundesländern das Privatkundengeschäft durch die Kreditfinanzierung von Konsumwünschen und im Immobiliensektor. Zugleich entstanden hohe Ausfallrisiken durch eine zu sorglose Kreditvergabe – nicht zuletzt auch im Firmenkundengeschäft durch Fehleinschätzungen der Tragfähigkeit der ostdeutschen Unternehmen und Überhitzungstendenzen. Daher machte die Einstufung der Banken als „Stahlindustrie der 1990er Jahre“ die Runde, also einer Branche mit deutlichen Überkapazitäten und mangelnder Rentabilität. Um die als Gefahr beschworene „japanische Krankheit“ abzuwenden – einen durch Problemkredite hohen Ausmaßes nachhaltig geschwächten Finanzsektor, der nur noch dank staatlicher Unterstützung existieren konnte –, setzten massive Restrukturierungen, Effizienzsteigerungs- und Kostenabbauprogramme („Lean Banking“) ein. Standortkonsolidierungen und Bankenfusionen nahmen Fahrt auf.

  • Für Chancen zur internationalen Expansion sorgten die Einführung des Euro (1999 elektronisch, 2002 physisch) und die Vertiefung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, in der nationale Grenzen an Bedeutung verloren. Die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten in Europa half speziell den Großbanken, Schockwellen aus den USA abzufedern, die das Ende des ersten Hypes um internetbasierte Geschäftsmodelle (Platzen der Dotcom- Blase) sowie die Terroranschläge des 11. September 2001 hervorgerufen hatten.

  • Technologisch rückte das Onlinebanking immer stärker in den Fokus auch von PrivatkundInnen, die erstmals per Internet auf Konten zugreifen und Überweisungen tätigen konnten. Damit stiegen jedoch zugleich die Anforderungen an die IT-Systemlandschaft der Banken.

IV. 2007–2009: Systemgefahr Finanzmarktkrise
  • Die globale Finanzkrise, ausgelöst durch den Zusammenbruch des US-Hypothekenmarkts 2007 und die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008, markierte einen historischen Wendepunkt auch für die deutsche Bankenlandschaft. Erstmals seit den Verwerfungen 1931 bestand nicht mehr nur theoretisch, sondern ganz real die Gefahr eines Systemzusammenbruchs. Direkt als Akteure betroffen waren vor allem Kreditinstitute im öffentlichen (Mit-)Eigentum wie die IKB Industriekreditbank, die Landesbanken (von Sachsen über Bayern bis hin zur WestLB) sowie die Hypo Real Estate. Sie hatten als „Kreditersatzgeschäft“ in großem Umfang Papiere erworben, mit denen sich US-amerikanische SchuldnerInnen von Kreditbeständen getrennt hatten. Diese Verbriefungen verloren in dem Moment dramatisch an Wert, als der Häusermarkt in den USA kollabierte und die Zins- und Tilgungszahlungen der weitergereichten Kredite ausblieben. Während die „toxischen“ Assets auf Bad Banks ausgelagert wurden, mussten die betroffenen Banken mit staatlichen Unterstützungszahlungen bzw. Garantien gerettet werden. Dies galt in besonders spektakulärer Weise für die Commerzbank, die erst kurz vor der Finanzkrise die Dresdner Bank übernommen hatte. Der deutsche Staat wurde hier durch die Zuführung von Eigenkapital zum Miteigentümer (und ist es bis heute geblieben). Betroffen von Ausfällen waren auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die in Fonds investiert hatten, denen entsprechende Papiere beigemischt waren. Speziell der Sparkassensektor musste erhebliche Mittel zur Unterstützung der Landesbanken, im Fall der WestLB sogar zur Abwicklung aufwenden.

  • Zwei Folgen der Finanzmarktkrise seien besonders hervorgehoben. Zum einen brach aufgrund der eingeschränkten Kreditvergabekapazitäten der Banken, aber auch der dramatisch verschlechterten Gewinnaussichten der Unternehmen die Konjunktur in Deutschland so stark ein wie noch nie in der Nachkriegszeit: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging 2009 um 5 % zurück; aus einer ursprünglich gut abgrenzbaren Krise in einem Teil des (US-)Bankenmarktes war eine globale Finanz- und schließlich auch Wirtschaftskrise geworden! Zum anderen beschädigte diese Krise – auf deren Höhepunkt sich die damalige Bundeskanzlerin Merkel und ihr Finanzminister Steinbrück veranlasst sahen, die Sicherheit der Spareinlagen zu garantieren – die Reputation der gesamten Bankenbranche. Seriöse Wirtschaftszeitungen titelten über die „zerstörerische Kraft der Finanzmärkte“ und den „Volksfeind Banker“.

V. 2011–2019: Euro-Rettung und Regulierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit als Transformationstreiber
  • Zahlreiche europäische Staaten hatten sich mit ihren Rettungspaketen für die heimischen Banken und die Konjunktur verhoben und bedurften nun selbst der Rettung. Ab 2010/11 stellten die Euro-Länder für Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Zypern insgesamt rund 600 Mrd. Euro bereit. Um die andauernden Spekulationen gegen die gemeinsame Währung zu bekämpfen, kündigte der EZB-Präsident Mario Draghi im Juli 2012 an, „Whatever it takes“ zu unternehmen, um den Euro zu retten, und tatsächlich wurden die Märkte nachhaltig mit Zentralbankgeld geflutet. Hieraus resultierte eine Phase der Niedrig-, zeitweise sogar Negativzinsen, die die Erträge auch der deutschen Banken über ein Jahrzehnt hinweg in Mitleidenschaft zog.

  • Belastet wurde zugleich die Kostenposition der Banken, da die internationalen Aufsichtsbehörden ihre Anforderungen an das zu unterhaltende Eigenkapital und die Liquidität der Institute ab 2010 deutlich ausbauten. Wie schon in weiter zurückliegenden Perioden erwies sich eine Krise als Auslöser für restriktivere staatliche Auflagen. Doch trotz der Dramatik gelang es (ein weiteres Mal) nicht, das Normenpaket „Basel III“ zeitnah und vor allem global einheitlich zu verankern. Einem echten „Level Playing Field“ widersetzten sich gerade die USA als Ausgangsland der Krise, während die Vorschriften in Europa und dabei auch Deutschland selbst für kleinere Banken strikter wurden.

  • Zudem machten sich in dieser Phase neue Wettbewerber für etablierte Banken breit. Nachdem andere Branchen vor allem nach der Einführung des iPhones 2007 schon digitale Vertriebswege über das Internet aufgebaut hatten, zog das Finanzwesen nach. Sogenannte „FinTechs“ verzichteten vollständig auf Filialen und boten ihre Dienstleistungen ausschließlich online an. In den meisten Fällen beschränkten sie sich auf Teile des Sortiments von Universalbanken, vor allem das Kreditgeschäft, die Kapitalanlage oder den Zahlungsverkehr. Ihre Wettbewerbsvorteile suchten sie in der Schnelligkeit und Einfachheit der Leistungsabnahme, die auch zu niedrigeren Preisen beitrug, worauf die etablierten Institute wiederum mit Imitation oder Aufkauf reagierten. Während den meisten Häusern die Transformation zum „Omnikanal-Vertrieb“ gelang, scheiterte die Kreditwirtschaft mit ihrer Gemeinschaftsaktion, einen erfolgreichen Gegenspieler für PayPal aufzubauen, sodass Marktanteile im Zahlungsverkehr verloren gingen.

  • Stärker in den Fokus der gesamten Kreditwirtschaft rückte ein zuvor nur von wenigen Spezialbanken verfolgtes Thema: Nachhaltigkeit. Die dramatischen Folgen des Klimawandels machten vor allem eine Berücksichtigung der ökologischen Komponente innerhalb der ESG1-Kriterien auch für Kreditinstitute unverzichtbar. Erneut war hier deren Aufsicht der Treiber und schrieb den Banken vor, insbesondere in ihre Kreditvergabeentscheidungen mögliche Umweltbelastungen (und auch Verletzungen von Sozialstandards etc.) durch die KundInnen einfließen zu lassen. Es entwickelten sich „Sustainable-Finance-“ oder „Green-Finance“-Kredite bzw. -Anleihen, bei denen der Zinssatz an das Erreichen bestimmter Nachhaltigkeitsziele gekoppelt war.

  • 1 Environmental, Social, Governance

VI. 2020-2026: Neue Risiken als Bewährungsproben
  • In der sich ab Jahresbeginn 2020 ausbreitenden Corona- Pandemie wurde erneut die Systemrelevanz von Banken deutlich; sie zählten zu denjenigen Branchen, die auch während des Lockdowns für VerbraucherInnen in der Fläche physisch erreichbar blieben. Zugleich waren sie für die Abwicklung der staatlichen Corona-Hilfen für Unternehmen unverzichtbar. Trotz dieser umfangreichen Unterstützungen ging das BIP vergleichbar der Finanzmarktkrise um fast 5 % zurück. Nur zwei Jahre später brach der Krieg Russlands gegen die Ukraine aus, sorgte für massive Störungen der Lieferketten und beeinträchtigte damit erneut die konjunkturelle Entwicklung. Die rückläufige Investitionsbereitschaft vieler Unternehmen – und damit sinkende Kreditnachfrage bei Banken – wurde durch die zuvor ungeahnten geopolitischen Verwerfungen infolge der (Wirtschafts-)Politik der neuen Trump-Administration weiter verstärkt.

  • Während dem Aspekt der Nachhaltigkeit – ebenfalls ausgehend von den USA – in der deutschen Öffentlichkeit und Politik weniger Beachtung als zuvor geschenkt wurde, rückten die Digitalisierung der Geschäftsmodelle aller Branchen sowie die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) massiv in den Vordergrund. Dies dürfte der stärkste Transformationstreiber der nächsten Jahre sein – nicht nur für die KundInnen der Banken, sondern auch für ihre eigenen Prozesse, sowohl im Backoffice wie im Markt. Sogar die Digitalisierung der Zentralbankwährung, der „Digitale Euro“, zeichnet sich immer konkreter ab.

VII. 2026– … Quo vadis deutsche Banken?
  • Braucht man auch in Zukunft noch Banken? Oder werden GeldanlegerInnen und KreditnehmerInnen über Plattformen und die Blockchain-Technologie ausschließlich „direkt“ miteinander in Kontakt treten, sodass der Finanzintermediär, der „Zwischenhändler in Geld“, überflüssig wird? Die Zahl der Banken ist bereits auf rund 1.300 geschrumpft, die ihrer Filialen auf etwa 17.000 – diese Konzentration wird sich fortsetzen. Für die einzelne Bank wird es darauf ankommen, jenseits der standardisierten und weiter digitalisierten Basisdienstleistungen Kompetenz und Relevanz zu demonstrieren. Dies kann auch zukünftig dort gelingen, wo es bei Unternehmen um die Finanzierung ihrer Transformation geht. KundInnen in diesem Umbruchprozess individuell zu beraten, ist für die Banken eine große Chance, sofern die Beratenden mit ihrem Know-how z. B. in Bezug auf KI und Nachhaltigkeit „vor der Kurve“ sind.

  • Ebenso werden im Privatkundengeschäft – so zeigen es empirische Untersuchungen – die persönlichen AnsprechpartnerInnen auch von den Jüngeren in bestimmten Lebenssituationen geschätzt. Allerdings nehmen die Kompetenzanforderungen hier ebenfalls zu, etwa in der Vermögensberatung angesichts der automatisierten Angebote von Fin- und möglicherweise auch Big Techs. Um „modern“ zu bleiben, wird daher für die Banken weiterhin die Gestaltung der persönlichen Beziehung zu ihren KundInnen entscheidend sein.